Die Ausbeutung des Jahres

Mein Name ist Marvin. Ich bin 21 Jahre alt und komme aus Berlin. Ich habe einen erweiterten Hauptschul-Abschluss und möchte Koch werden. Seit zwei Jahren versuche ich, eine vernünftige Ausbildung zu bekommen. Aber das ist schwieriger, als ich es mir je vorstellen konnte.

Ich war super glücklich, als ich im Herbst 2008 meinen ersten Ausbildungs-Vertrag zum Koch in einer großen Kantine unterschreiben durfte. Die Kantine ist ziemlich hip. Sie liegt direkt an der Spree bei Universal und MTV und täglich essen dort lauter schicke Leute aus der Medienbranche zu Mittag. Die Arbeit dort hat mir echt Spaß gemacht, auch wenn ich fast jeden Tag über 12 Stunden malochen musste. Mir war ja klar, dass die Arbeit als Koch kein Zuckerschlecken ist. Aber Kochen ist eben voll mein Ding.

Im Februar 2010 – in meinem zweiten Lehrjahr – bekam ich plötzlich kein Lehrlings-Gehalt mehr. Auch die beiden anderen Lehrlinge und Köche bekamen kein Geld mehr. Der Chef hat uns vertröstet, das Geld würde bald kommen. Wir haben dann einfach weiter gearbeitet, sind weiterhin brav zur Berufschule gegangen und haben unserem Chef geglaubt, dass er bald wieder zahlen kann. Im März gab es immer noch kein Geld und so ging das weiter bis zum Juli 2010. Unser Chef hat sich bei uns schon gar nicht mehr blicken lassen, andererseits bekamen wir mit, wie er mit Bargeld nur so um sich schmiss. Er hat den Laden gegen den Baum gefahren und ist inzwischen insolvent.

Wir haben dann bei der IHK (Industrie- und Handelskammer) und beim Jobcenter um Hilfe gebeten. Die IHK – bei der wir ja am Ende der Ausbildung unsere Prüfung machen müssen – hat aber nur mit den Achseln gezuckt. „Das ist Ihr Problem“, wurde uns gesagt, „für solche Fälle sind wir nicht zuständig.“ Wir waren sehr erstaunt über diese Auskunft der IHK. Also sind wir zum Jobcenter gegangen. Doch dort hat man uns nur ein Insolvenz-Formular in die Hand gedrückt – das sollten wir bei unserem Chef abzeichnen lassen, damit wir wenigstens Arbeitslosengeld bekommen können. Zurück zum Chef und ihm das Insolvenz-Formular gegeben und erklärt. Doch der Herr hat einfach eine falsche Insolvenz-Nummer auf dem Formular eingetragen. Ob absichtlich oder weil er verpeilt ist, weiß ich nicht. Jedenfalls gab es dadurch auch kein Arbeitslosengeld. Ich war dann im Sommer 2010 völlig pleite. Richtig sauer wurde ich, als ich erfuhr, dass unser Chef noch einen zweiten Laden hat, der gut läuft. Er hätte uns also bezahlen können. Aber wir kleinen Lehrlinge sind ihm einfach egal.

Mit abgebrochener Ausbildung bin ich dann wieder zum JobCenter marschiert. Was für ein Abstieg! Das Jobcenter meinte dann, dass ich meine Ausbildung bitte schön in Österreich fortsetzen sollte. Mein erster Gedanke: Wollen die mich verarschen? Aber ich habe dann Kontakt mit dem Unternehmen aufgenommen. Es handelte sich um ein nettes kleines Familienhotel in Kitzbühl. Einziger Haken: Ich sollte dort meine gesamte Ausbildung von vorne beginnen! Die zwei Jahre in Berlin wären dann für die Katz gewesen. Was macht man nicht alles, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht? Ich also runter zu den Ösis, wie immer gut gelaunt, denn ich will ja nur Eines: Kochen! Die Küche war ganz anständig, mein Küchenchef auch, und Gäste hatten wir reichlich. Meine Unterkunft wurde mit meinem Lehrlings-Gehalt verrechnet. So blieb mir nur ein kleines Taschengeld übrig, aber egal: Hauptsache ich konnte Kochen! In der fünften Arbeitswoche kam dann plötzlich der Chef zu mir und erklärte mir, „dass wir ein Problem haben.“ Ich bekam sofort weiche Knie und musste mich setzen und das war auch gut so. Denn allen Ernstes hatte sich heraus gestellt, dass ich in diesem Betrieb gar keinen IHK-Abschluss bekomme. Die Ösis haben ein anderes Ausbildungssystem, demzufolge kein IHK-Abschluss. Meine Ausbildung hätte also in Deutschland keine Anerkennung bekommen. Ich war echt verzweifelt und musste abends lange in mein Kissen heulen. Was machen die alle mit mir?

Zwei Tage später saß ich mit meinen Habseligkeiten wieder im Zug, zurück nach Berlin. Bei Mutti auf der Couch übernachten. Dann wieder zum Jobcenter, wo ich mich beschwerte über den hirnrissigen Trip nach Österreich – von den überflüssigen Kosten ganz zu schweigen – aber das interessierte dort niemanden. So richtig arrogant von oben herab wurde mir mitgeteilt, dass ich die Klappe zu halten habe und bitte schön wieder alle Anträge auf Hartz4 ausfüllen soll. Die Faust in der Tasche, mit dem Rücken zur Wand, Ihr wisst schon…

Ich wieder raus auf die Strasse und sofort nach einer neuen Lehrstelle gesucht. Ich hatte Glück: ein berühmtes In-Restaurant in Berlin-Mitte im noblen Nicolaiviertel wollte mich nehmen. Ich war so stolz und glücklich, dass ich erneut akzeptierte, meine Ausbildung komplett von vorne zu beginnen. Für ein Abschluss-Zeugnis von diesem Restaurant war ich bereit, die zwei Jahre Ausbildung in der Kantine in den Wind zu schießen. Am 1.9.2010 fing ich dort als Lehrling an. Geile Speisekarte, super Küche, vornehme Gäste, tolle Kollegen. Ich war im Himmel angekommen! Ohne zu murren, habe ich die 50-Stunden-Woche durchgezogen. Dass ich keine einzige Pause machen konnte, habe ich auch hingenommen. Hauptsache Kochen.

Mein erstes Lehrlingsgehalt kam mit zwei Monaten Verzögerung. Da wurde ich zwar nervös, aber was will man machen? Den zweiten Monat bekam ich dann nicht mehr bezahlt. Obwohl ich pünktlich und ordentlich meine Arbeit verrichtete, kein Lehrlings-Gehalt. An den Chef kam ich gar nicht heran, mein Küchenchef meinte nur, ich solle abwarten. Weitere Fragen wurden mir verboten. Als ich dann auch im dritten Monat kein Geld bekam, war meine Geduld am Ende und ich habe meine Arbeit in dem Restaurant eingestellt. Ich war am Boden zerstört und hatte nur noch Frust.

Mitte November, draußen war es schon richtig grau und trist, sitze ich an meinem Computer und surfe durch das Netz auf der Suche nach einer Ausbildung zum Koch. Dabei stoße ich immer wieder auf Links zu einem Verein namens „BLINKER Futureplanner“. Ich schaue mir deren Homepage an und finde sie ganz nett. Die haben da so kleine Filmchen auf der Site und zeigen, was sie machen. Nette Leute, denke ich und rufe dort an. Ich habe eine total nette Frau am Telefon, die sich meine ganze lange Geschichte in Ruhe anhört. Die Frau lädt mich zu einem Beratungs-Gespräch in ihr Büro ein. Am 18. November um 12 Uhr sitze ich dann bei BLINKER FuturePlanner im Beratungs-Gespräch. Jetzt rede ich mit einer anderen Frau, die noch netter ist. Ich erzähle ihr die ganze Story und die Frau fällt glatt vom Hocker. Ich denke schon, dass sie mir nicht helfen kann, weil mein Fall zu kompliziert ist. Stattdessen greift die Dame sofort zum Telefon und spricht mit zwei mir unbekannten Ausbildungs-Stellen, ob ich bei Anrechnung der schon absolvierten zwei Jahre dort meine Ausbildung fortsetzen und endlich zum Abschluss – mit IHK – bringen könne? In beiden Fällen bekommt sie eine positive Antwort. Unglaublich! Was IHK und Jobcenter nicht zustande bringen, kriegt die blonde Frau im Handumdrehen auf die Reihe? Ich kann es kaum glauben. Die Blonde hat auch gleich zwei Vorstellungstermine für mich vereinbart. Ich also am nächsten Tag hin zu den beiden Adressen. Und siehe da, kein Spruch: Ich kann dort einsteigen und innerhalb eines Jahres meinen Abschluss machen. Bin ich jetzt endlich im Himmel angekommen?

Zwei Tage später kommt der Hammer. Die Blonde von BLINKER FuturePlanner ruft mich an. Ob ich auch Interesse an einer dritten Möglichkeit hätte? Sie habe mit einem Hotelier oben an der Ostsee telefoniert. Der sei Direktor eines Dorint-Hotels am Darß und würde sich gerne meine Bewerbungs-Unterlagen anschauen. Wenn sie ihm gefallen, würde er mich als Lehrling übernehmen, sogar unter Anrechnung der beiden absolvierten Jahre! Ein Dorint an der Ostsee! Wie geil ist das denn? Ich bin sprachlos und begeistert. Ich sende meine Unterlagen sofort zu dem Hoteldirektor. Zwei Tage später habe ich ein längeres Telefonat mit dem Direktor. Ein total cooler und lässiger Typ. Er sagt, er würde mich gerne ab dem 23.12. – also mitten im Weihnachtsgeschäft in der Hauptküche einsetzen. Wenn ich drei Probetage überstehe, soll ich als „verspätetes Weihnachtsgeschenk“ meinen Ausbildungs-Vertrag bekommen.

Heute ist der 9.12.2010. In genau zwei Wochen werde ich am Herd des Dorint-Hotels stehen und endlich wieder kochen. Ich werde alles geben, darauf kann sich der Direktor schon mal verlassen. Ich bin sehr gespannt, wie dieses Abenteuer ausgeht.

Fortsetzung folgt!

1 Antwort bis jetzt »

  1. 1

    kein sagte,

    alles betrug


Kommentar-RSS · TrackBack URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.