Teil 7
Wie vereinbart sitzen Frantisek und ich am 8. Juli im Büro der Bereichsleiterin des Jobcenter Berlin-Neukölln. Mit dabei ist auch die Teamleiterin. Die beiden Damen machen es spannend:
Zuerst erklären sie erneut, warum der Bildungsgutschein, also die Bezahlung der restlichen zwei Ausbildungsjahre, für Frantisek nicht ausgestellt werden kann. Vorschriften, Paragrafen, Leitsätze, Regelungen, die alle dafür gemacht wurden, um Leuten wie Frantisek eine Ausbildung zu verhindern. Enorm, was Politiker, Juristen und Verwaltungsmenschen sich alles ausdenken, um Leute dumm und stumm zu halten.
Dann hält die Bereichsleiterin einen kleinen Vortrag, wie intensiv sie recherchiert und herausgefunden hat, dass es für Frantisek´s Ausbildung zum Regenerativen Energie-Manager doch eine Möglichkeit mit dem verflixten Bildungsgutschein gibt: Und zwar in der Nähe von Stuttgart!
Was zum Teufel soll Frantisek in Stuttgart? Er lebt hier in Berlin mit seiner Frau und seinem Kind (2 Jahre) in einer frisch bezogenen Wohnung. Hier in Berlin hat er die Ausbildung begonnen, bereits ein Jahr erfolgreich absolviert. Wie soll das gehen? Umzug für die ganze Familie nach Stuttgart? Oder soll Frantisek immer pendeln? Wer soll die Bahnfahrten bezahlen? Wie soll eine Bleibe in Stuttgart bezahlt werden?
„Doch, doch“, erklärt die Bereichsleiterin optimistisch, „das würden wir alles bezahlen. Die Ausbildung, die Bahnfahrten, die Unterkunft.“ Das würde zwar dreimal mehr kosten, als der Bildungsgutschein für die Ausbildung in Berlin. Am Geld scheint es also nicht zu scheitern. Wir haben´s ja! Es liegt nur an den Vorschriften – mit Sinn und Verstand hat das wenig zu tun.
Frantisek motzt und sagt, „dass ich mich langsam verarscht fühle. Ihr Vorschlag ist schwachsinnig. Nach Stuttgart gehe ich auf keinen Fall!“
Und dann, ohne mit der Wimper zu zucken, setzt Frau Bereichsleiterin zum dritten Vortrag an: „Wir haben uns intensiv beraten und sind zu dem Schluss gekommen, dass wir für Frantisek Klein eine sogenannte Einzelfall-Maßnahme einrichten werden. Das bedeutet, dass wir eine Ausnahme machen und den Bildungsgutschein für die Ausbildung in Berlin bereit stellen werden.“
Wir staunen, reiben uns die Ohren und fragen nach wie die Blöden. „Das bedeutet, Frantisek kann seine Ausbildung hier in Berlin fortsetzen? Mit einem Bildungsgutschein für die restlichen zwei Jahre? Kein Scherz? Wirklich?“
Kopfnicken bei Frau Bereichsleiterin und ihrer Kollegin: „Ja, so ist es. Der Geschäftsführer des Jobcenters, Herr Tack, hat dies ausdrücklich angeordnet.“
Seit ich Frantisek kenne, sehe ich diesem Moment zum ersten Mal ein glückliches Lächeln in seinem Gesicht. Seine Sorgenfalten sind plötzlich geglättet, seine Augen sind klar und ruhen konzentriert auf einem Fixpunkt. Man kann sehen, wie Ruhe in seinen nervösen Körper fließt und wie seine verkrampften Muskeln langsam entspannen. Er denkt ruhig nach über das, was er eben gehört hat. Dann folgt ein langes erschöpftes Ausatmen, als wenn er gerade eine sehr schwere Last endlich abstellen kann.
Ich kläre mit den beiden Jobcenter-Frauen, welche Formalitäten noch zu klären sind, während Frantisek still neben mir sitzt und nichts mehr sagt. Dann bedanken wir uns und verlassen den Raum. Unten vor der Haupt-Tür umarmen wir uns. Ich beglückwünsche Frantisek zu seinem Erfolg, er bedankt sich für meine Unterstützung. Dann verabschieden wir uns.
Nachtrag:
Seit dem 23.8.2010 ist Frantisek Auszubildender im zweiten Lehrjahr an der Berufsfachschule „Aucoteam“ im Lehrberuf „Technischer Assistent für Regenerative Energien“. Der Bildungsgutschein liegt vor, es gibt keine Hindernisse mehr. Regelmäßig telefoniere ich mit Frantisek und seiner Schule, ob alles in Ordnung ist. Alles läuft reibungslos, wird mir versichert. Auch ich kann jetzt durchatmen und bin dankbar dafür, dass unsere Anstrengung fruchtbar geworden ist. Das gibt uns Kraft für weitere solche Aktionen.
Nachtrag 2:
Wie in allen Medien berichtet, war Bundeskanzlerin Angela Merkel vom 23. bis 27.8.2010 in Deutschland unterwegs in Sachen Energiepolitik. Zwar sollen die Atomkraftwerke länger laufen, als bisher geplant. Aber gleichzeitig hat Merkel der Atom- und Kohle-Lobby klargemacht, dass die Konzerne Geld abgeben sollen, damit der Anteil der „Regenerativen Energien“ am Gesamt-Mix der Energieversorgung in Deutschland bis 2030 mehr als verdoppelt werden soll. Wenn das kein Timing ist! Viel Erfolg Frantisek!