Archiv für August, 2010

Chance geboten (Teil 6)

Samstag, 3.7. 2010, 10.20 Uhr. Ich sitze im Auto und fahre zu Freunden, um am Nachmittag das WM-Spiel der Deutschen Jungs gegen Argentinien zu schauen. Wie gesagt, es ist Wochenende und aus unserem ersten Gespräch mit Herrn Tack weiß ich, dass er seit heute im Urlaub ist. Bretagne oder Mallorca, ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls richtig weit weg.

Mein Handy klingelt.

 „Hier Tack, guten Tag Herr Lauk!“

 Mein Ohr und mein Gehirn sind überfordert, also frage ich nach: „Wer ist da bitte?“

„Hier spricht Konrad Tack, Geschäftsführer Jobcenter Berlin-Neukölln, störe ich gerade?“

Ich kann es kaum glauben, fahre schnell rechts ran und spreche ausführlich mit dem erstaunlichen Mann. Er erklärt, dass er von den Widersprüchlichkeiten gehört und auch meine Email an die Bereichsleiterin gelesen hat. Man hört an seiner Stimme, dass er mit der Arbeit seiner Mitarbeiterin nicht glücklich ist. Wörtlich sagt er: „Ich werde gleich am Montag bei meiner Bereichsleiterin anrufen und dafür sorgen, dass Ihr Schützling seinen Bildungsgutschein bekommen wird. Versprochen!“

Unglaublich, dieser Typ. Ich bedanke mich ausdrücklich und sage ihm, dass ich seinen Einsatz sehr zu schätzen weiß. „Ist schon gut“, sagt er trocken und damit ist das Telefonat beendet. Umgehend rufe ich Frantisek an und berichte ihm von dem Anruf. Frantisek ist total überrascht. „Wirklich?“ fragt er, „kein Scherz? Das gibt´s doch nicht. Wahnsinn! Ich dachte schon, ich muss mich wieder anketten.“

Muss er erst mal nicht. Mit Spannung sehen wir dem Gespräch am 8. Juli bei der Bereichsleiterin entgegen….

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Chance geboten (Teil 5)

Eine gute Woche später, 1.7.2010.

Nachdem Frantisek die fehlenden Unterlagen am 24.6. eingereicht hat, ist er heute erneut zum persönlichen Gespräch im Jobcenter eingeladen. Der Geschäftsführer Herr Tack ist nicht anwesend, dafür kümmert sich die Bereichsleiterin jetzt um den Fall. Frantisek glaubt, heute seinen begehrten Bildungsgutschein zu bekommen.

Stattdessen erklärt ihm die Bereichsleiterin, warum der Bildungsgutschein nun doch nicht ausgestellt werden könne. Ihre Aussagen sind wirr und willkürlich. Zum einen könne die Unterstützung nicht erfolgen, weil Frantisek vor sechs Jahren (!) schon einmal eine Ausbildungsmaßnahme zum Bürokaufmann erhalten habe. „Ein zweites Mal geht das nicht.“, sagt sie. Zum anderen habe die Berufsschule am Telefon erklärt, „die Kosten für das dritte Ausbildungsjahr nicht tragen zu wollen.“

 Diese letzte Aussage geht an jeglicher Sachkenntnis völlig vorbei. Es geht nicht darum, dass die Schule Kosten trägt, sondern es geht darum, dass das Jobcenter etwas zahlen soll. Die Schule hat ja schon auf ein Jahr Schuldgeld verzichtet. Wir telefonieren sofort mit der Berufsschule und berichten von dem angeblichen Telefonat mit dem Jobcenter.

Ja, ein Gespräch mit dem Jobcenter habe es gegeben, bestätigt die Schulleitung. Aber von einer Kostenverweigerung war gar keine Rede. Im Gegenteil: „Wir haben dem Jobcenter erneut versichert, dass wir auf den Kosten des ersten Ausbildungsjahres sitzen bleiben, weil wir sie Frantisek erlassen haben. Er ist ein guter Schüler und wird die Ausbildung packen. Es geht jetzt nur noch um den Bildungsgutschein für die restlichen zwei Jahre. Das haben wir gesagt!“ Die Schulleiterin ist sehr empört, wie ihr das Wort im Munde verdreht worden ist und der Bittsteller damit abgespeist wurde. „Da kann man mal sehen, wie die Jobcenter mit ihren Kunden und uns als staatlich anerkannter Bildungsträger umgehen. Völlig willkürlich und zur Not mit glatten Lügen!“

 Nach diesem Gespräch schreibe ich eine höfliche aber bestimmte Email an die Bereichsleiterin und weise auf die Widersprüchlichkeiten hin mit der dringenden Bitte um ein neues, klärendes Gespräch. Eine Stunde später erhalte ich von der Bereichsleiterin eine Antwort:

Sehr geehrter Herr Lauk,

in meinem heutigen persönlichen Gespräch habe ich Herrn Klein ausführlich  erklärt, aus welchen Gründen wir leider keinen Bildungsgutschein für die restlichen zwei Jahre ausstellen können. Ich habe auch mit ihm vereinbart, dass in der nächsten Woche ein Termin mit ihm, mir und der zuständigen Teamleiterin des  M&I –Bereichs  ( Vermittlungsbereich )  stattfinden wird, wo wir gemeinsam ein Lösung finden wollen, um die Wünsche von Herrn Klein mit unseren gesetzlichen Möglichkeiten abzugleichen.

Diese Einladung wurde heute bereits zum 08.07.2010 um 14:00 Uhr im Jobcenter Neukölln, Zimmer 5C073 5. Etage an Herrn Klein übersandt. Gern können Sie an diesem Gespräch teilnehmen.  

Umgehend antworte ich der Dame, dass ich selbstverständlich gerne an dem Gespräch am 8.7. teilnehmen werde. Den ganzen Schriftverkehr setze ich in c.c. auch an Herrn Tack. Dass wir enttäuscht und verwirrt sind, schreibe ich natürlich nicht. Dieses Pulver wollen wir uns für das Gespräch aufheben.

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Chance geboten (Teil 4)

22.6.2010, 11 Uhr. Das Interview mit Frantisek ist abgeschlossen Die Leute gehen weiter, das Wachpersonal schaut verstohlen und spricht etwas ins Walkie-Talkie. Keine weiteren Reaktionen. Unsere Aktion scheint ins Leere zu laufen.

Doch plötzlich kommt ein älterer Herr aus dem Jobcenter zu uns und spricht mit Frantisek. Es ist kaum zu glauben: Der Mann ist der Geschäftsführer des Jobcenters. Er zeigt Verständnis für Frantiseks Aktion und bietet ihm an, zu einem klärenden Gespräch hinauf ins Büro der Geschäftsleitung zu kommen. Wir sind sehr überrascht und nehmen das Angebot dankbar an. Fünf Minuten später sitzen Frantisek und ich im Chef-Zimmer im sechsten Stock mit herrlichem Blick über die Dächer Berlins. Der Chef, Herr Tack, macht einen netten Eindruck und fordert Frantisek auf, die ganze Geschichte zu schildern. Story siehe oben. Geduldig hört Herr Tack zu und macht sich einige Notizen:

 „Okay, ich habe alles verstanden“, sagt er, „nach meiner Meinung müsste Ihnen ein Bildungsgutschein für die verbleibenden zwei Ausbildungsjahre ausgestellt werden. Alles andere wäre sinnlos.“

Eine Antwort, die uns sprachlos macht. Nach all dem Stress und Ärger mit den diversen Jobcenter-Mitarbeitern – Sachbearbeiter, Fallmanager, Teamleiter, Bereichsleiter – sitzt nun der Chef höchst persönlich vor uns und plädiert für die beste Lösung, den Bildungsgutschein. Der Bildungsgutschein bedeutet, dass das Jobcenter die Kosten für die restlichen zwei Ausbildungsjahre an der Berufsschule für monatlich 300,- übernimmt! Also 7.200,- Euro gesamt! Das Hartz4-Geld würde dann ganz offiziell parallel weiter fließen, so dass Frantisek in Ruhe seine Ausbildung absolvieren kann. Fantastisch! Wir fragen ungläubig nach, aber Herr Tack bleibt bei seinem Wort. Er bittet nur darum, dass Frantisek noch ein paar fehlende Unterlagen nachreicht. „Dann leite ich diese Unterlagen weiter. Ich kümmere mich ab jetzt persönlich um Ihren Fall. Wir kriegen das hin!“

 Glücklich verlassen wir das Jobcenter. Frantisek strahlt. Er ist seinem Ziel jetzt ganz nah…

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